Wenn es stimmt, was Last.fm errechnet hat, dann können Menschen nach ihrem Musikgeschmack beurteilt werden. Bei dem Gedanken wird mir was mulmig, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich die Musik meines Lebens schon gefunden habe. Klar ist, dass ich im Zweifelsfall nur diese Right-Vibes als Beurteilungsgrundlage in Bezug auf meine Person zulassen würde.
Ich war vor drei Wochen auf einem Free-Jazz-Festival in Köln und kann das nicht einfach auf sich beruhen lassen. Meiner Meinung nach bin ich jetzt nicht gerade der “Musik-Checker”. Andererseits habe ich kürzlich auf XING gelesen, dass ein auffallendes Problem von Hochbegabung der Selbstzweifel ist. Lesen Sie vor diesem Hintergrund meine nachfolgenden Ausführungen und schlagen Sie mich für den Pulitzer-Preis vor. Ach nein, besser nicht. Ich weiß ja gar nicht, ob ich überhaupt so gut bin …
Der Abend begann und endete für mich mit einer „Kreativzelle aus Österreich“, unterbrochen von mehreren Aufenthalte an der frischen Luft. Denn ich gehöre vielleicht nicht zu den höflichsten, aber dafür zu den ehrlichen Menschen. Wenn Sie also mal ehrliche Menschen treffen wollen, gehen Sie auf eine richtig schlechte Veranstaltung. Sie finden uns im Foyer oder auf der Straße. Man erkennt sich.
Ich will den Spannungsbogen jetzt nicht überdehnen. Ich denke, es ist bereits klar. Das Duo aus Schlagzeug und Gitarre hat ausschließlich meinen Genervt-Nerv getroffen. Die Akteure sagen von sich selbst: „Das Duo ist die Aorta, von der die anderen Sachen ausgehen.“ Für mich ist ihre wenig bis gar nicht komponierte und unfähig improvisierte Beschallung der Anus, an dem es enden sollte.
Die meisten Leute sind an dem Abend auf ihren Stühlen hocken geblieben und haben das sowohl akustische als auch optische Leiden ausgehalten. Vereinzelt versuchten sogar Vertreter der Kopfnicker-Fraktion dem ganzen etwas abzugewinnen. Das sah aber irgendwie verklemmt und nicht wirklich inbrünstig aus. Dies hat mich zu der festen Überzeugung kommen lassen, dass nur solche Menschen diesen experimentellen Lärm als ihren Musikgeschmack deklarieren, die von ihrer Gefühlswelt nicht viel zu erwarten haben. Sie sind wie ihre Stars entwicklungsmäßig stecken geblieben und tragen deshalb Jeanshemden aus den Achtzigern. Ich glaube ja, dass diese Nerds ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper haben, finden ergo ihre Füße eklig, ernähren sich von Tütensuppen und halten kalte Bockwürstchen aus dem Glas für delikat.
Jetzt könnten sie sagen: „Mensch, muss die denn immer so auf den Putz hauen. Es gibt doch auch guten experimentellen Jazz und den hören sich auch Menschen mit einer gesunden Sauerstoffversorgung und intakten Darmflora an.“ “OK gebont”, sage ich. Aber lassen Sie mich kurz auch mal was erklären: Ich habe mich kürzlich testen lassen. Eines der Ergebnisse war, dass ich zu einer generalistischen Denkweise neige, das heißt ich habe Führungskompetenz, weil ich Kompliziertes verdammt einfach machen kann. So. Und jetzt wissen Sie BEDENKENTRÄGER, was Sie – im Gegensatz zu mir – nicht haben. So einfach ist das.
Und doch zieht jetzt gleich der Hoffnungsschimmer des letzten Restes Anstandes auf dieser Welt an Ihrem Horizont auf: Denn ich habe recherchiert, bevor ich wütend meine Tastatur zückte. So stellte ich ein paar Tage nach dem Event unter anderem folgende Fragen per E-Mail an den Veranstalter zur Weiterleitung …
- Welche Struktur liegt dieser Musik zugrunde? Gab es ein Zusammenspiel?
- Welchen musikalischen Background bringen die Herren jeweils mit? Was hat sie geprägt?
- Wie spontan war die Darbietung?
Die Antwort kam direkt vom Drummer: „Schade, dass unser Konzert nicht Ihrem Geschmack entsprochen hat. Über meine Konzepte und Überlegungen können Sie sich gerne auf meiner Homepage informieren.“
Die Website ist so kryptisch wie der Rest. Ich konnte allerdings heraus finden, dass die Brüder auch Jingles für Telefonanrufbeantworter komponiert haben und .. „Radiokompositionen“. Damit wird mir einiges klar. Denn die Geräuschkulisse erinnerte mich die ganze Zeit an die Sendersuche beim Radio. Meine Frequenz hat das Duo Schall & Rausch nicht gefunden. Sollte ich nochmal Bedarf haben, zahle ich keine 17 Euro Eintritt mehr. Einfach Radioknopf auf halbe acht drehen und fertig.

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