Der Subkultur-Spießer sucht nach konformem Kontext, um fremde Einflüsse von seinem geistigen Horizont fernzuhalten. Dieser Kontext hat als einziges Qualitätsmerkmal das Anderssein. Der Subkultur-Spießer instrumentalisiert diese Nonkonformität, um sich von der ihn verstörenden Umwelt abzugrenzen und damit innere Sicherheit zu bewahren.
So. Das hört sich erstmal an, wie die Definition aus einem klinischen Wörterbuch, aber diese aseptische Tonalität ist adäquat für die beschriebene Personengruppe. Hat doch der Subkultur-Spießer selbst keinen Spaß und wenn dann nur sehr selten oder nur dann, wenn kaum einer mitlachen kann. Denn Spaß ist gleich geteilte Freude und Teilen geht nur mit Anders-Anderen und davon gibt es auf diesem Planeten nicht so viele. Und da diese Erde voll ist mit Humor fürs Mengengeschäft ist der Subkultur-Spießer meistens traurig auf diesem Stern, der nicht seine Welt ist.
Ich gebe zu, dass Subkultur-Spießer auf mich eine gewisse Anziehungskraft ausüben. Denn ich wittere frisches Denken in neuen Galaxien. Meistens stellt sich aber heraus, dass diese Galaxien begrenzt und ihre Guidelines streng sind. Der Grat des Geschmacks ist sehr schmal. Der Grat der Geschmacklosigkeit dafür umso breiter. Lässt man sich darauf ein, ist es ein anstrengender Balanceakt, bei dem viel verloren geht. Am Ende fragt man sich, ob es so was wie konforme Nonkonformität gibt.
Der Subkultur-Spießer ist äußerlich sehr leicht zu erkennen: ER hat eine Nicht-Frisur. Denn eine Frisur bedeutete, sich für eine Form zu entscheiden. SIE schleicht auf leisen Sohlen, neuerdings in Espadrilles und Leggings. Für meinen Geschmack bringt man in Espadrilles und Leggings so viel Sex-Appeal aufs Pflaster wie in Schlafanzughose und Pantoffeln. Diese Kombination trifft aber offensichtlich den Geschmack des Subkultur-Spießer-Männchens, der selbst keinen Hintern in der Hose hat, dafür aber eine Strickmütze auf der Nicht-Frisur und eine Hornbrille trägt, mit der er aussieht wie ein Erstklässler in den 50er-Jahren als es noch keine Brillen in Kindergrößen gab.
Aber egal. Ich mag die Subkultur-Spießer, auch wenn sie mir irgendwann etwas langweilig, weil berechenbar vorkommen. In jedem Fall sind sie mir immer noch lieber als die Leute, die den ganzen Tag mit einem Stock im Arsch rumlaufen und sich optimal an jede Umgebung und Situation anpassen als hätte man ihnen das Hirn geklaut. Während der Subkultur-Spießer wenig gebacken kriegt, weil er viel rebellieren muss, richtet er keinen Schaden an, weil er keine Ziele hat. Denn Anders-sein-Wollen ist der Bruder von Gar-nichts-Wollen.

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