Kürzlich habe ich mich gefragt, wie viel Wahrheit die Welt verträgt. Dabei muss zunächst fein unterschieden werden zwischen der Fremdwahrheit und der Selbstwahrheit. Die Fremdwahrheit ist die angenehmere von beiden. Denn die kann ich jemandem an den Kopf werfen in selbstherrlichem Habitus à la … „Haha mein Freundchen, die Zeit ist reif, dass dir mal ein Licht aufgeht und ich höchstpersönlich zünde es dir an.“
Das schönste an den Fremdwahrheiten ist die Vorfreude. Denn dabei bleibt es meistens. Im entscheidenden Moment schluckt man die ganze Wahrheit runter, weil man schon absehen kann, dass sie in letzter Konsequenz keiner verkraften würde. Und woran liegt das? Ich meine, das liegt an dem idealen Selbstbild, dem wir hinter her hecheln und das mit aller Kraft und Macht hoch gehalten wird. Wer aus Scheiße Gold machen kann, für den muss die Wahrheit eine Kanalratte sein.
So richtig Tacheles geredet wird nur noch in Großküchen und in überfüllten Regionalzügen 2. Klasse und dort auch nur mit Menschen, die man meint, nie mehr wieder zu treffen. Wie viele Wahrheiten werden in dieser Minute in Deutschland wohl runter geschluckt? Wie viel sind das in einer Woche, in einem Monat, einem Jahr? Und auf welche Summe beläuft sich der daraus resultierende volkswirtschaftliche und sonstige Schaden? Und vor allem: Vor wie viel Selbstwahrheit flüchten wir, indem wir konsumieren, kompensieren, zerreden, breit treten, weg beten?
Die Farbe der Wahrheit ist grau, schon klar. Auf jeden Fall ist sie nicht zu finden im praktischen Einkaufs-Center „in Ihrer Nähe“, in dem man angeblich alles findet, was „man braucht“. Was nicht heißen soll, dass Wahrheit nicht nahliegend sein darf. Jedenfalls gibt es keinen Grund den sich ohne Punkt und Komma froh redenden Weißwesten oder der eigenen Bequemlichkeit das Spielfeld zu überlassen. Wo Fremdwahrheit auf Selbstwahrheit trifft, besteht die Aussicht auf ein spannendes Match, sofern es fair zugeht. Die größten Verlierer sind die, die meinen, sich vorher ausrechnen zu können, wie das Spiel ausgehen wird. Denn dem Leben ist nicht mit dem Taschenrechner bei zu kommen. Und das ist gut so und echt wahr und schade für Graf Zahl.

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