Als ich letzten Freitag durch die Stadt ging, sah ich eine Espresso-Maschine im Schaufenster eines Schuhgeschäftes zwischen Herrenschuhen stehen. Wenn eine Firma, die Geschirrspüler-Tabs herstellt, für sich und eine bestimmte Spülmaschinen-Marke wirbt, dann hat das Logik, zumindest ist es praktisch gedacht. Das nennt man dann Verbundwerbung oder von mir aus auch Synergie.
Was haben aber bitteschön Schuhe mit Espresso zu tun, außer dass man sich den koffeinhaltigen Ausdruck über das Leder kippen oder nach einem Doppio express-schnell über das Parkett steppen kann? Jetzt könnte man denken, dass hier die Prinzipien des Targetings Einzug gehalten haben in den Bonner Einzelhandel. Werbung mit minimalen Streuverlusten. Wer stehen bleibt, erhöht die Guck-mal-da-Rate. Zahlen muss nur, wer auch zur Kasse geht.
Vor der Handhebel-Maschine liegen die kaum lesbaren Visitenkarten des Espresso-Studios um die Ecke aus. Die clevere Conclusio ist eindeutig: Wer sich edle Ledertreter kauft, legt Wert auf Prestigeobjekte in der Küche. Kann sein. Warum nicht gleich in Vorfreude auf Nikolaus iPhones in die Schuhe drapieren und das ganze mit Werbung für ElitePartner einrahmen?
Gibt es eigentlich Individualismus oder existiert er nur Kraft unserer Vorstellung? Und ist das Bemühen um Stereotypen-Definitionen der Beweis für immer gleiche Muster oder sind sie eine Krücke, um sich der Wirklichkeit anzunähern und nicht durchzudrehen? Die Bonner jedenfalls haben mit dem Individualismus keine Probleme, solange es Mokassins von Timberland zu kaufen gibt.
Mir persönlich geht das zu weit mit den Kaffeebohnen in der Schuhauslage, vielleicht auch weil in unmittelbarer Nähe drei Geschäfte Kaffeegenuss zum Indoor- und Outdoor-Verweilen anbieten. Mit Kaffee meine ich weniger die Reinform als vielmehr geschäumte Milch, befleckt mit Koffein. Wäre ich Gentrifizierungsgegner, würde ich die Fürstenstraße als den Milchkaffee-Strich von Bonn bezeichnen. Mache ich aber nicht, weil bin ich nicht und wäre als freiwilliger Bonner Bürger auch irgendwie absurd.
Jedenfalls wird Kaffee ausgedrückt und Milch geschäumt, wo man nur hinguckt. Kaffee trinken in Gemeinschaft, von mir aus auch in der Anonymität eines Coffee-Shops, ist ohne Zweifel ein schönes Ritual. Kaffee wird zum Bremsanker für die Momente im Leben, wo einem alles latte ist. Auch das ist legitim. Vielleicht wird irgendwann „auf einen Coffee to go“ die höchste Form von Verbindlichkeit und Planbarkeit. Aber Kaffee an sich, in seiner originären Ausprägung konsumiert, puscht. Weiß der gemeine Kaffeekonsument eigentlich noch, wofür ihn die schwarze Brühe wach machen soll? Und hat er überhaupt Lust auf den puren Koffein-Wecker? Oder lässt er sich unbewusst so viel Latte ins Glas schütten, damit die Wirkung durch den Sattmach-Effekt der Milch kompensiert wird. Das ist dann so, als würde ein Flugzeug auf die Startbahn rollen, ohne jemals abzuheben.
Hatte mir deshalb vorgenommen, nur noch Espresso zu trinken, weil das direkter ist, auch im Blut. Denn wenn keine Latte den Magen verschleimt, bleibt mehr Sauerstoff für den Kopf. So weit der Plan. Andererseits wäre das wie O ohne Wodka, Salat ohne Dressing, Früh-Kölsch 0,0 Prozent. Sollen doch von mir aus diejenigen Trennkost zelebrieren, die sonst keine Hobbys haben. Hin und wieder einen Espresso vor dem Abflug muss reichen. Denn zu viel Koffein-Kick überspannt den Geist, im schlimmsten Fall den einiger Marketingstrategen. Mögliche Folgen könnten sein, dass Fitness-Studios neben Kleidergröße 36 und Bestattungsinstitute in Sanitätshäusern werben. Wie beim Anblick so mancher Outdoor-Funktionsbekleidung, würde ich auch hier denken: „Ist praktisch, sieht aber scheiße aus.“ Dann doch besser keine Regenhose auf dem Fahrrad und dafür einen Boxenstopp für einen LaMa. Das ist zwar nicht praktisch, ist mir aber dafür egal.
