Der neue Roman von Nick Hornby „Juliet, Naked“ handelt von verlorener Lebenszeit aufgrund von Trägheit, Feigheit sowie eines Mangels an logischem Denkvermögen. Die Geschichte um den ehemaligen Rockstar Tucker Crowe endet mit der Erkenntnis, dass manche Menschen am Status Quo kleben wie die Fliegen an der Sch…
Fans hat es schon immer gegeben, aber das Internet macht sie noch schlimmer. Denn es vergisst nichts und niemanden. Auch nicht Tucker Crowe, der sich mit Mitte Dreißig selbst in den Ruhestand schickte. Seitdem hat der Singer-Songwriter nichts mehr zustande gebracht, außer fünf Kinder zu zeugen, Beziehungen in den Sand zu setzen und seine innere Leere mit Alkohol zu betäuben. Aber ein harter Kern von Fans hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, auf seinen verwehten Spuren zu wandeln und die alten Songs zu inhalieren, um sie bis zur Unkenntlichkeit zu zerpflücken.
Als ein anerkannter „Crowologe“ gilt Duncan, der mit seiner Freundin Annie in dem trostlosen Küstenort Gooleness zu weit weg von London lebt. 22 Jahre nach Erscheinen von Tuckers einzigem und letzten Erfolgsalbum „Juliet“ bringt die Plattenfirma unveröffentlichte Songs heraus und nennt das Album „Juliet, Naked“. Duncan veröffentlicht die erste Rezension innerhalb der Crowologen-Online-Community. Annie schreibt eine Gegendarstellung. Damit endet ihre leidenschaftlose Beziehung. Die Schwierigkeiten beginnen.
Für die beiden wird es nie wieder so bequem wie vor ihrer Trennung. Während der Alt-Rockstar „himself“ mit Annie Kontakt aufnimmt, gerät Duncans Welt in dem Moment ins Wanken, als er sich gegen Angriffe auf seine Tucker-Welt wehren muss. Er muss sich die Frage gefallen lassen, was von ihm übrig bleibt, wenn das keinen Bestand mehr hat, in das er den größten Teil seiner Zeit investiert hat. Er fürchtet um seine Erhebung über den Mainstream. Diese Erhebung, die den Dunstkreis aus Verehrern um jede Art von Künstler magisch anzieht.
Annie trauert um die fünfzehn Jahre, die sie mit Duncan unwiederbringlich verlebt hat und zweifelt an dem Sinn, sich nie in Schwierigkeiten gebracht zu haben. Duncan bereut seinen Leichtsinn: „Er hatte sein ganzes Leben vorsichtig gelebt, und bei der einen Gelegenheit, wo er alle Vorsicht zu einem Ball geknüllt und in den Wind geschlagen hatte, war es so ausgegangen.“ Duncan meint den Abend, an dem er Annies Besprechung ins Netz gestellt hat.
Eine besondere Nebenrolle spielt Tuckers Sohn Jackson. Der Sechsjährige hat panische Angst davor, dass sein 55-jähriger Vater bald sterben wird. Das ist Humor von der Art, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Jacksons Ausdrucksweise und Lebensschläue klingen allerdings nicht nach einem Jungen aus der Vorschule. Stellt sich die Frage, ob Hornby das so wollte oder nicht besser konnte. Wenn gewollt, dann wird klar, dass einem Kind mit einem Vater wie Tucker Crowe nichts anderes übrig als so schnell wie möglich erwachsen zu werden, um zu überleben.
Hornby schafft mit „Juliet, Naked“ eine Röntgenaufnahme der in die Jahre gekommenen Anderssein-Wollenden und erstellt Diagnosen wie „Sie war eine Krankheit, diese Einsamkeit – sie machte schwach, leichtgläubig und irre.“ Wie in seinem Roman „How to be good“ steht am Ende die Erkenntnis, dass es nicht viel braucht, um das Leben einigermaßen aushalten zu können. Hornbys neuer Roman ist von unprätentiöser Intelligenz.
